SCHAUM – Surrogat & Imitation

KunstHeute festival for contemporary art

Am Anfang steht die »Imitation«

Der Hof eines alten Industriegeländes, vor dem Atelier der Künstlergruppe. An der Ateliertür hat jemand die Kopie eines Fotos befestigt. Darauf zu sehen, ein Chinese beim Kalligraphieren von Schriftzeichen; direkt auf den Boden vor sich. Wahrscheinlich benutzt er Wasser; einige Zeichen verdunsten bereits.

Auftritt SCHAUM: Wir sehen die leibhaftige Kopie des chinesischen Meisters vom Foto. Blauer Arbeitskittel und Pinsel zitieren dessen Antlitz. Ein Wassereimer steht bereit. Das Schreibgerät wird benetzt, angesetzt und schließlich mit zenhaftem Habitus eine Linie gezogen. Eine andere kommt hinzu und noch eine. Ein Zeichen entsteht.

Der Pinsel wird getaucht. Ein zweites Zeichen folgt. Ein prüfender Blick des Künstlers. Dann alles auf Anfang. Das erste Zeichen erneut, eintauchen, weiter mit dem Zweiten. Keine Übersetzung, keine Kommunikation. Nur das konzentrierte Zeichnen auf dem Boden. Sonst Stille.

Schon beginnt die Auflösung, bald gibt es keine Spuren der ersten Striche mehr. Und es hört nicht auf. Wieder und wieder von vorn. Die Gedanken kreisen. Was bleibt am Ende? Was, wenn es jetzt regnen würde? Und warum bloß diese einfallslose Wiederholung? Alles so vergebens.

Abgang SCHAUM: Der Künstler schreitet schweigend von dannen.

Wir folgen ihm in den Atelierraum, hinein in eine Schonung: Tannen, dicht an dicht, schwebend im Innenraum. »Surrogat lll« heißt die Arbeit. Ernüchterung. Auch bloß eine Kopie? Nichts Neues? Nummer III? Nein. Tatsächlich die Variation eines Themas und völlig anders als Surrogat I und II. Ein äußerst komplexes Spiel von Verschiebungen auf vielerlei Ebenen.

Wunder-Duftbäume aus Pappe monströs skaliert zu einem Wald, in dem man sich verstecken, vielleicht sogar verlaufen kann, lassen den Betrachter schrumpfen. Die Liebe der Deutschen zum Wald ist nicht neu, doch das hier ist kein Ort der Erholung. Schon gar nicht handelt es sich, trotz ihrer immergrünen Erscheinung, um eine sakrale Allegorie der Hoffnung. Sehgewohnheiten und Werk driften auseinander. Die anfängliche Faszination über die ästhetisch gelungene, Ausführung der Surrogate – also Ersatzstoffe – weicht einem ungefähren Unbehagen. Statt echter Pflanzen nur Pappe und Farbe und der Materialwert so hoch wie die Anschaffung eines Originals. Alles ist so perfekt nachgebaut; die nutz- und geruchlose Imitation einer Massenware, die wiederum etwas vollkommen Kostenloses imitieren will: Die Natur. Wozu das alles? Was ist aus dem guten alten Waldspaziergang geworden?

Aha, da ist er also, der Weltschmerz; ein alter Hut. Und genau hier liegt die große Stärke von SCHAUM. Natürlich ist die Bitternis, die mit dem Verlust von Werten einhergeht, zutiefst romantisch, aber zugleich so relevant wie ehedem. Die Künstlergruppe übersetzt Bauchgefühle, die wir nur zu gut kennen und erzählt alte Geschichten völlig neu. Sie findet Bilder, für die wir keine Jahrhunderte zurück reichende Lesetradition benötigen: Zeitgenössische Notizen von Beobachtungen für heutige Betrachter – überaus sinnlich, oft ironisch, niemals polemisierend oder gar belehrend.

Lässt man sich auf den Kosmos der Arbeiten von SCHAUM ein, gibt es unendlich viel zu entdecken. Man kann sich für die chinesische Tradition der Nachahmung von Meistern interessieren und erfahren, dass die Zeichen in der beschriebenen Performance das Wort »Kopie« ergeben oder man kann darüber amüsieren, dass »Wunder-Bäume« ein amerikanisches Produkt sind und eigentlich »Little-Trees« heißen. Das alles ist Ihnen nicht wichtig zu vermitteln und spielt auch keine Rolle, wenn wir uns einfach darauf einlassen. Wenn wir ohne ein einziges Wort der Erklärung sehen und fühlen und wissen.

Juliane Radike