
Tanz der Tenside
Versuch, über eine Session der Künstlergruppe »Schaum« zu schreiben, ohne dabei gewesen zu sein.
von Matthias Schümann, Rostock
Plötzlich stand dieses Wort im Raum: Schaum. Ein Fremdkörper, an den man sich herantasten muss, der schwammig ist und unförmig und erst einmal bewältigt werden will. Faszinierend dabei ist, wie so ein bloßes Wort, ein vergleichsweise banales sogar, zu inspirieren vermag und nicht endende Gedankenkaskaden auslöst.
Man möchte dabei gewesen sein: Fünf Künstler fanden sich in einem Atelier zusammen: Janet Zeugner und Alexandra Lotz, Tim Kellner, Marc W1353L und Wanja Tolko. Das Gespräch wurde mitgeschnitten – und ein Exzerpt ermöglicht den Nachvollzug des kollektiven Gedankengangs. Die Atmosphäre war gelöst, doch die Arbeitsumgebung verbot die Party. So wurde philosophiert – oder besser: es wurden Gedankenbälle von einem zum anderen geworfen, im spielerischen Gespräch formten sich Ideen – und dann war plötzlich dieses Wort da: Schaum. Wurde gedreht und gewendet, abgeklopft und bearbeitet, am Ende aber für gut befunden, der Ausgangspunkt gemeinsamen Handelns zu werden. Die Zusammenkunft selber bezeichnete die Gruppe später als erste „Intraschaumsession“. Der Arbeit innerhalb der Gruppe steht folgerichtig die ebenso einkalkulierte Arbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern gegenüber – als „Interschaumsession“.
Schaum breitet sich ebenso schnell in alle Richtungen aus, wie er wieder in sich zusammenfällt. Es gibt weichen und flüssigen Schaum – es gibt aber auch harten Schaum, den Bimsstein zum Beispiel. Schaum setzt Assoziationen frei. „Träume sind Schäume“ steht schnell als Floskel im Raum – und wird sogleich verworfen – es sei denn sie wird so heftig verarbeitet wie in Ernst Jandls „Das Röcheln der Mona Lisa“. In dessen Wortspielerei mutiert die Redensart unvermittelt zu „träune sind schäune“ und geht nahtlos in „schän dich schän dich“ über, woraufhin man sich als Publikum mitten in einer Diskussion über Herrschaftssprache befindet. Dort, in der Diktatur des eindimensionalen Worts, ist der Schaum selbstredend verpönt, zumal wenn man ihn mit Kunst in Verbindung bringt.
Romantik steht ebenso als Begriff im Raum, der mit dem Schaum unmittelbar verbunden scheint. Genau wie das Schäumen, ein tiefes emotionales Aufgewühltsein, das ja gerade den Romantikern nicht fremd war. Von dort ist es nicht weit zu „schaumgeboren“ (Aphrodite), zu „schaumgebremst“ (ziemlich viele Zeitgenossen).
So fließen sie dahin, jene endlose Bedeutungsketten, die als Semiose in die Sprachwissenschaft Eingang gefunden haben, und die jenen, die die Bedeutung hinter den Worten suchen, immer nur neue Wörterbücher beschert. Willkommen in der Postmoderne. Oder besser: in der Post-Postmoderne. Denn den fünf Vertretern der Künstlergruppe Schaum geht es nicht so sehr um Dekonstruktion und das endlose Zergliedern des Arbeitsmaterials. Vielmehr geht es ihnen darum, etwas Neues zu schaffen, vor allem aber gemeinsam wirksam zu werden, ohne die eigene Identität dabei verlassen zu müssen. Sie selber wollen der Schaum sein.
Dass das Wort Schaum überhaupt in die Diskussion gekommen ist, dürfte nicht unwesentlich auf Marc W1353L zurückzuführen sein. Es kam ihm bei der Lektüre von Peter Sloterdijk und dessen „Sphären-Trilogie“ in den Sinn. Der Philosoph kehrt sich vehement ab von dem allenthalben gebrauchten Begriff des Netzes oder des Netzwerks. Ein Netzwerk, so Sloterdijk, sei schließlich nicht mehr als die flächige Verbindung von Punkten und als solches für den Menschen „unbewohnbar“. Anders die Zelle, die Blase, die Kapsel. Letztere dürfte ein wenig zu starr sein für das, was die fünf in Rostock arbeitenden Künstler vorhaben, weshalb die organische Zelle oder eben das Bläschen als Teil des Schaums weitaus besser passt. Betrachtet man die Arbeiten Marc W1353Ls, der 1973 in Neuwied geboren wurde und in Wismar Architektur studierte, so merkt man, dass die Beschäftigung mit der Welt als Blase nicht ganz von ungefähr kommt. Marc W1353L sammelt Objekte und sperrt sie gewissermaßen in künstliche Zellen ein: Ein Fläschchen mit Weihwasser aus Lourdes, Kienapfel und Kiefernzweig, Schwämme, Fahrkarten. Marc W1353L entnimmt der ihn umgebenden und durch ihn veränderten Wirklichkeit Gegenstände und befördert sie durch das Einschweißen und Konservieren in Tüten oder auch auf Fotopapier auf eine ganz neue Ebene. Banalitäten geben sich so in verändertem Kontext als Kunstobjekte zu erkennen, beginnen als für sich stehende Blasen ein Eigenleben, setzen sich zu anderen Blasen, Zellen, Monaden gar in Beziehung. Indem sie herausgestellt werden, enthüllen die Objekte ihre Präsenz – und werden durch die Enthüllung gleichzeitig entrückt.
Das Objekt an sich ist Marc W1353L wichtig, aber auch der Raum, in dem es sich befindet – oder in den es, ganz existentialistisch, geworfen wird. Es gibt übrigens einen Roman, der diese Metaphorik zu einem Handlungselement erhebt: Die Räume, in denen sich die Figuren bewegen, werden immer kleiner, im Implodieren der Blasen verschwindet die Welt. „Der Schaum der Tage“ heißt dieser Roman, Boris Vian der Autor. Einen anderen großen Franzosen hat W1353L verarbeitet und in seinen Arbeiten benannt: Yves Klein. Dessen charakteristisches Blau verwandelt sich bei Marc W1353L in eine Droge, eine Art Kunst-Kokain, das in zerstäubter Form und wiederum in Tütchen verpackt an andere Nutzer weiter gereicht werden kann. Zum Beispiel nach Rostock. Und das passt sogar zu Yves Klein – immerhin war er mit einer waschechten Mecklenburgerin verheiratet.
Winzige, kreisförmige Strukturen, symbolisch umhüllter Raum bilden auch den Ausgangspunkt bei Wanja Tolko, geboren 1973. Als Zeichner scheint er im Zweidimensionalen Räume zu schaffen, ganze Gebirge, die je nach Entfernung des Betrachters als lichte Höhen oder schattige Täler gesehen werden können, die sich bei genauem Hinsehen aber als Vielzahl von ungleich großen, ungleich kräftigen Kreisen, Zellen, Blasen entpuppen. Derart zusammengesetzt erschuf Tolko großformatige Panoramen, die wie von selbst – und zur Überraschung des Künstlers – authentischen Abbildungen von Zellschnitten ähnelten. Die nächste Herausforderung für Wanja Tolko, der in Leipzig unter anderem bei Arno Rink Malerei studierte, besteht nun darin, die so erschaffenen mikro- oder makroskopischen Welten in andere Formen zu übersetzen. Aus Papier und Buntstift werden Leinwand und Ölfarbe. Die Zellwände werden durch den Gebrauch des Pinsels monströs verstärkt, die introvertierte Kleinteiligkeit verwandelt sich in expressiven, bunten Pop. Erstaunlich: Die Struktur bleibt dabei erhalten. Denn immer noch geht es Wanja Tolko um die einfache, die klare Form. Die Namen Hanne Darboven und Eva Hesse fallen, wenn man sich mit Wanja Tolko unterhält.
Damit eröffnet sich ein Spannungsfeld, in dem sich die Gruppe bewegt: Darbovens repetitive Arbeiten sind wichtige Wegmarken der Kunstströmung des Minimalismus, den Hesse mit einer starken Emotionalität auflud. „Beseelter Minimalismus“ lautet der Begriff, den Tim Kellner nennt, um zu umreißen, was ihm in der Künstlergruppe wichtig ist: Die Beschränkung der Mittel, die Reduktion aufs Wesentliche. Dazu die Idee, zum Kern der Dinge vordringen zu können, das Wirkliche darstellbar zu machen. Eine romantische Idee, findet Kellner, und geht einen logischen Schritt weiter, wenn er dem, was allenthalben als kühl, als geometrisch und wissenschaftlich wahrgenommen wird, Leben einhaucht. Geblieben ist jedoch das Interesse des Minimalismus am Raum, das Verorten von Objekten in Szenerien und Kontexten. Schließlich ist auch der Schaum ständig in Bewegung, zwischen seinen Bläschen findet eine unausgesetzte Kommunikation statt, die sich auf einem radikal hohen Grad der Abstraktion abspielt.
Innen ist außen, konstatiert Tim Kellner, geboren 1976, angesichts des unausgesetzten Spiels der Tenside, die Räume erschaffen, indem sie sie umhüllen – und gleich wieder öffnen im Zusammenspiel mit den anderen Bläschen. Ganz in diesem Sinn arbeitete Tim Kellner zunächst mit fotografischen Tableaus. Jedes einzelne Bild für sich, Impressionen einer Australien-Reise zum Beispiel, hält alltägliche Momente und Impressionen fest wie Marc W1353Ls Tütchen die Souvenirs. Doch zusammen, als kontrollierte Schaumfläche, entfalten sie eine ganz eigene Dynamik, einen erzählerischen Gestus, der dem einzelnen Bild seine Würde lässt, indem alle zusammen über sich selbst hinausweisen. Der Traum des Künstlers wäre es, dies zukünftig in einem einzigen Bild zusammenzufassen. Konsequent arbeitet Tim Kellner, der in Heiligendamm und Wismar Grafik-Design mit Schwerpunkt Fotografie studierte und darüberhinaus als Ausstellungskurator arbeitet, zuletzt mit Porträts, in denen die Abgebildeten durch verschwommene Gesichter ihr Antlitz gleichermaßen offenbaren und verschließen – und dabei als lebendige „Zelle“ weit über sich selber hinausweisen.
Und dabei eben doch ganz bei sich bleiben. Eine Tatsache, die Alexandra Lotz wichtig ist. Die Bildhauerin sieht sich durch die Künstlergruppe inspiriert, eben weil sie gemeinsam mit anderen sie selber bleiben darf. Unter dieser Voraussetzung fällt es leicht, sich zu öffnen, bereit zu sein für fremde Einflüsse, für ein anderes Ich, das möglicherweise die Wände der Bläschen aufbricht und zwei kleine Zellen zu einer größeren macht. Auf diese Weise Kunst zu schaffen, die als originäres Werk Bestand hat, ist Anliegen von Lotz und der ganzen Gruppe. Dabei beschäftigt sich die Künstlerin ohnehin schon intensiv mit Möglichkeiten der Entgrenzung, indem sie bildende Kunst mit Musik verbindet. Anlässe zur Arbeit findet sie vor allem in der Neuen Musik, bei Helmut Lachenmann oder Mauricio Kagel, die ihrerseits musikalische Blasen platzen ließen, neue Formen des Musizierens erfanden oder dem Publikum nie gesehene und gehörte Instrumente entdeckten. Entsprechend entwickelt Alexandra Lotz – die 1974 geborene Künstlerin studierte an der Universität der Künste in Berlin – ihre Skulpturen aus den Formen von Instrumenten, deren konkrete materielle Beschaffenheit ja gerade in der Neuen Musik immer wieder Anlässe für Kompositionen liefert. Wenn beim Streichen des Bogens über den hölzernen Leib der Violine Musik, Instrument und Musiker auf eine neue Ebene gehoben werden, so erschafft Alexandra Lotz gültige Formen aus der Abstraktion von Trompetentrichtern, Hi-Hats oder Mundstücken in Objekten aus Marmor oder Bronze. Überflüssig zu bemerken, dass diese Instrumententeile, reduziert auf ihr physisches Wesen, Kreis- und Kugel-, letztlich die Formen von Blasen aufnehmen.
Zufall oder nicht – es liegt keinesfalls in der Absicht der Gruppe, sich durch eine kollektive Namensfindung ästhetisch eingrenzen zu lassen. Dass sich bei Marc W1353L und Tim Kellner, vor allem bei Alexandra Lotz und Wanja Tolko die Bläschen- und Schaummetapher auf einzelne Werke übertragen lässt, mag für die gelungene Namensfindung sprechen. Die Reduktion auf Äußerlichkeiten und Oberflächen ist damit keineswegs gemeint. Vielmehr ist es dieses Prinzip des „In-den-Raum-Wachsens“, des Entstehens und Verschwindens von Gedanken, Werken, Personen oder Kunst – allesamt verbunden und voneinander getrennt durch das Wasser, das stetig zwischen den Bläschen des Schaumes fließt.
Entsprechend sucht man bei Janet Zeugner die Blasen- und Zellenform vergeblich. Ihr Ausgangsmaterial ist der Schatten fremden, vergangenen Lebens. Janet Zeugner, die 1977 geboren wurde und in Heiligendamm und Wismar bei Knut Wolfgang Maron studierte, verwendet eigenes und gefundenes Fotomaterial, das sie sich für weitere Bearbeitung erschließt. Alte Familienalben, unter Ausschluss der Öffentlichkeit festgehaltene Momente. Beiläufig und unspektakulär – und dabei in ihrer Beschränkung und bei der Betrachtung durch Fremde geheimnisvoll. Janet Zeugner macht diese Fremdheit zum Thema und bearbeitet die ursprünglichen Bilder mit ihrem chemopicturalen Verfahren. Sie werden mit Chemikalien bestrichen, sie liegen mitunter Wochen in Laugenbädern. Die Spuren des authentischen Ausgangsmaterials bleiben sichtbar, ihre Fremdheit geht auf in der neuen Qualität eines ästhetischen Konzepts, das jedem einzelnen Motiv Würde verleiht. Gleichzeitig macht sie die Bilder zugänglich, wertet die ursprüngliche, fremde Bedeutung auf. So thematisiert sie Erinnerung: In den bearbeiteten Bildern werden die Grenzen des Selbst deutlich. Aus den Kapseln werden Schäume, das Ich wird durchlässig und findet sich wieder in einem beweglichen Ganzen, das in den Raum mäandert, das die Grenzen von Innen und Außen, von mir und den anderen, von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart verschwimmen lässt. Den Tensiden sei Dank.
Schaum soll über den einzelnen hinaus wirksam werden: in Aktionen oder in gezielten „Interventionen“, in Einzel- und Gruppenausstellungen, in Zwischenrufen, die den Blick auf Kunst und ästhetische Positionen lenken werden. Oder eben in „Intraschaumsessions“. So war bereits die Herstellung von Kunst-Schaum zu erleben, ebenso wie ein Symposium zur Künstlergruppe – aus der Perspektive des Jahres 2043. Eine „Interschaumsession“ mit zwei Künstlern aus Frankreich in der Galerie Wolkenbank in Rostock. Eine Fotoserie schließlich erzählt von der Erschaffung einer luftigen Kunst-Blase aus Kunst-Stoff, die in frühlingshafter Natur so fremd-vertraut wirkt wie die ganze Künstlergruppe, von der man hören wird. Man weiß nur nicht wann und wo. So wie der Schaum: Das Entstehen, Verschmelzen und Platzen der Bläschen hat System, verläuft nach strengen Regeln. Aber berechnen lassen sie sich nicht.














